Auf ein Wort: Advent #1

Neulich morgens im Bad

Neulich in meinem Bad, morgens. Wer bin ich, wenn ja, wie viele, wo bin ich und warum so früh? Mein Bett und ich spielen jeden Morgen Stein-Schere-Papier. Wer verliert steht auf. Langsam glaube ich, dass mein Bett schummelt. Morgens ist einfach nicht mein Tag und eines muss man ja der Müdigkeit lassen: Kondition hat sie! So müde wie heute war ich seit gestern Morgen nicht mehr. Manchmal meine ich, ich habe einen Gähndefekt. Veni,vidi, oblitussum – Ich kam, sah und vergaß, was ich vor hatte. Ach ja. Ein Blick in den Spiegel – wow, perfekt! Oh, Licht war noch aus, Moment… OK, ich kenn dich nicht, rasiere dich aber trotzdem. Und welche übrige Behandlung? Restaurieren, Denkmalschutz oder doch lieber Fotoalbum anschauen? Vielleicht dann eher duschen, da ist mein Spiegel immer sehr rücksichtsvoll und beschlägt, wenn ich aus der Dusche komme. Also, zerknitterter Waschbär da gegenüber mit einer Frisur, als hättest du ein Jahr mit einem Rudel Wölfe gehaust, ich sehe bei dir noch viele Entfaltungsmöglichkeiten und würde an deiner Stelle heute mal wieder eher auf innere Werte setzen. Ob man bei spät ins Bett Gehen und früh Aufstehen sich irgendwann selbst im Bad trifft? Oh, Mann. Beim Pulli anziehen wäre ich gerade fast wieder eingeschlafen, weil es kurz dunkel war…

„Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern! So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern! Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.“ Als der Schriftsteller und Journalist Jochen Klepper 1938 diese Zeilen schrieb, hatte er manch dunkle Nacht hinter sich. Als die Nazis 1933 die Macht ergriffen, wurde er vom Rundfunk entlassen. Der Grund war seine Ehe mit Johanna Stein, einer Jüdin. 1937 erhält er Berufsverbot, was Arbeitslosigkeit gleich kam. Nach der Reichskristallnacht mussten seine Frau und seine Töchter jederzeit mit der Deportation in ein Konzentrationslager rechnen. Die Maschen des nationalsozialistischen Netzes von Terror und Gewalt zogen sich immer mehr zusammen – wie in dunkler Nacht. Auch 2019 erscheint die Welt dunkel und finster. Wirtschaftskrisen, Umweltzerstörung, Skandale, Gewalt, Terror, Kriege… Noch immer hören wir so manche Stiefel „mit Gedröhn“ dahergehen und sehen Mäntel, die in Blut geschleift werden. Wie sehen unsere persönlichen Bedrängnisse dieser Tage aus? Die Krankheit, die uns all Kraft raubt,? Die roten Zahlen auf dem Konto? Alkohol? Lange Nächste in den falschen Armen? Oder in gar keinen? So oft unser Netz der Sehnsucht ausgeworfen, doch kein Lebensfisch gefangen? Die Trauer um einen lieben Menschen? Lange Tage im falschen Job? Und immer wieder Sorgendunkelheit, Problemnacht… So große Sehnsucht, so wenig Licht und keiner, der mich hört, kein Ohr, kein Herz, keine Hand. Keiner?

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande,scheint es hell.“ (Jesaja 9,1) Hören wir die Botschaft dieser Tage Gott ist nah und Gott ist da. Wie wäre es, dieser adventlichen Tage einen ganz anderen Akzent zu setzen? Gerade an diesem morgendlichen Moment, der wie kein anderer die Ewigkeit berührt, um von einer ganz anderen Position zu starten, bevor der Lauf des Tages mit all seinen Problemen uns aufgedrückt wird? Begrüßen wir jeden Tag wie den wundervollen ersten Tag eines ganz neuen Lebens, auf den ich alle meine Hoffnung unverbrüchlich setzen kann, wo mir alle Möglichkeiten offen stehen, lebendige Beziehungen zu Gott und den Menschen zu gestalten. Angst und Klage verstummen, denn ich bin aufgehoben, Gott kommt mir nahe – unter allen Umständen, durch alle Zeiten. Und das macht jeden Tag hell und licht. 

Ach ja, neulich im Bad: hab in den Spiegel gelächelt – und ein Lächeln kam zurück…

Stefan Harrer

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