Auf ein Wort: Meine himmlische Cafeteria

Wow. Ich bin begeistert. Ich komme aus einer Zeit, da konnte man in einem Cafe nur eine Tasse Kaffee bestellen, auf der Terrasse gar nur Kännchen. Und hier kann ich u.a. wählen zwischen einem Espresso Marocchino im Henkelgläschen, Caffè Shakerato mit Amaretto-Aroma oder einem Frappuccino mit einem extra Schlag Schlagsahne. Solch Auswahl würden wir auch gerne für unser Leben wollen, stimmt‘s? Einen Vergnügungsmokka mit einer Extraportion Luxus ohne Nebenwirkungen. Einen Glücks-Latte-Macchiato mit einem Keks Liebe und als Topping einen Altersruhesitz auf Mallorca, bitte. Das Leben liefert allerdings oft anders und uns beschleicht manchmal das Gefühl, der Mann hinter der himmlischen Cafetheke hat unsere Bestellung nicht richtig verstanden. Statt eines beschaulichen Familienglücks liefert er für ein junges Paar ein Flüchtlingsdrama in Zeiten eines allgemeinen Beherbergungslockdowns mit einem Stall als Zuhause für ihre Zukunft. Statt Anerkennung für einen Knochenjob als Hirte nur Verachtung, Geringschätzung, Naserümpfen. Statt Instant-Rettung ein lebenslanges Warten. Statt wissenschaftlicher Erkenntnis eine beschwerliche Sternfahrt zu einem Neugeborenen. Und bei uns? Statt eines schönen Lebensabends Frührente mit Eheproblemen, Krankheit und Geldentwertung? Statt Uni-Abschluss und danach Familienglück hier schon mal die Kinder vorab und eine Extraportion Stress? Und wer bitte hat dieses Corona-Gebräu bestellt? Empört blicke ich auf – in die unendlich liebevolle Tiefe der Augen des Kaffeehausbesitzers hinterm Tresen und finde dort – Frieden. Es ist so als wolle er mir sagen: ich habe dich im Blick, für immer schon, ich kenne deinen Ein- und Ausgang, all deine dunklen Tage, an denen Kaffee das Einzige war, was lief. Nichts geht an mir vorbei, ohne dass ich es weiß. Mach dich locker, denn das Leben ist lebendig, das Leben ist Veränderung. Und wenn du mich lässt, will ich dich verändern, um durch dich die Welt zu verändern. Ich habe aus Fischern Anführer gemacht, aus Hirten Könige, Gelehrte zu wahren Sehenden. Sollte ich nicht um eine erfüllende Lebensaufgabe für dich wissen? Während du meinst, ich schlafe vielleicht oder sei taub, bin ich am Werk, die richtigen Türen für dich zu öffnen und zu schließen, spätestens immer rechtzeitig. Könnte es sein, dass deine Wunschliste viel weniger Lebensglück bedeutet, als du dir erhofft hast? Vertraue mir. Bleibe bei mir. Hier bist du sicher und geborgen. Anders als in den zugigen Korridoren des Lebens oder in der Kälte des Seins… Ruhig lehne ich mich zurück. Ich bin gespannt was morgen sich hinter dem nächsten Adventskalendertürchen meines Lebens auftun wird. Und mein Cappuccino, a divine hug in a mug, schmeckt heute schon himmlisch…

-Stefan Harrer-

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