Auf ein Wort: Wer hätte das gedacht…

Hätten wir vor Corona gedacht, dass wir einmal täglich dem Podcast eines Virologen mit Spannung lauschen und dass unser Informationsbedürfnis so groß wird, dass wir dazu gar unsere eigene Social-Media-Bubble verlassen? Dass wir einmal wie in eine Zeit reisen, in der das Wort Mobilität noch nicht erfunden war und in der der Himmel blauer, leerer, leiser, freier atembar ist? Dass wir einmal weniger hedonistisch konsumieren werden, sondern nur, um die Familie durchzubringen? Dass man auch ohne die Verlockungen des Marktes und der Eventindustrie überleben kann, ohne ständig das eigene Dasein zu optimieren? Dass Bescheidenheit, Lesen, Puzzeln, Spazieren gehen sexy ist, Konsolen und Streaming ins Boreout führen und dafür Do It Yourself und die Kompetenz in der Küche einen Schub erleben? Dass man mehr erträgt, als man glaubt und wer bisher getrieben war von einer Unruhe, alles zu verpassen, entschleunigt und ruhiger, näher zu sich kommt? Dass man sich wieder aufs Büro mit all seinen Menschen freut, nachdem wir auf breiter Basis digital, dezentral und multimedial arbeiten, lehren und lernen gelernt haben?  Dass der Gang zum Supermarkt unser Wochenhighlight sein wird und dass es dort Türsteher gibt, die uns nicht reinlassen? Dass einmal Toilettenpapier zu einem Wertpapier wird und dass wir, aus Bedürfnis, irgendetwas zu tun, um uns und unsere Familie zu schützen, zu Hamstern mutieren? Dass uns dämmert, dass Gesellschaft kein Soloprogramm für Individualisten, sondern ein Für- und Miteinander sozialer Individuen ist? 

Auf ein Wort: Krisen bieten Chancen, Dinge anders zu sehen, zu denken, dass nichts bleiben muss wie es ist. „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet“: ein stimmiger Dreiklang für unser Leben. Eine weittragendere Melodie als der Ich-will-alles-sofort-Akkord von gestern. Eine Einladung trotz wechselnder Tonarten und Dissonanzen, trotz wechselhafter Ereignisse und Erfahrungen, sich tragen zu lassen von der gottgewobenen Sinfonie unseres Seins und dem Konzertmeister des Universums unser Vertrauen dazu zu schenken. Wer Sologeige spielen will, braucht ein Orchester, das mitspielt, einen Dirigenten, der unser verstimmtes Herz dieser Tage zum Klingen bringt: der Weg zu Leben in Resonanz mit Nachhall geht mit anderen, mit Gott. Um Takt zu halten, wenn die Corona-Krise einmal vorbei sein wird. Denn die Menschheit hat ein kurzes Gedächtnis, dafür große Unrast unserer Wünsche Flug, besonders wenn die eigene Gestaltungsfreizeit oder das finanzielle Wohlergehen tangiert wird….

-Stefan Harrer-

Photo by Edwin Hooper on Unsplash

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